Der Lindenbaum als Schutzbaum des Volkes

Biologie
Die Gattung der "Tilia", wie die Familie der Linden botanisch heißt, umfasst in den gemäßigten Zonen etwa 40 verschiedene Arten. Am bekanntesten sind die Sommerlinde (Tilia platyphyllos) und die Winterlinde (Tilia cordata). Eine echte Sommer - oder Winterlinde wird man in den europäischen Wäldern jedoch selten finden, weil sich diese beiden Arten häufig kreuzen. Eine Vielzahl der Linden gehört deshalb zu den Linden - Hybriden oder, wie man die natürliche Kreuzung nennt, den Holländischen Linden. In Wuchs und Eigenschaften sind die Unterschiede so gering, dass sie nur Botanikern und Forstfachleuten sofort auffallen. Sie liegen in der Blattgröße - die herzförmigen Blätter der Sommerlinde sind größer als jene der Winterlinde - und in der Form und Größe der Blüten. Während die Blüten der Sommerlinde nur aus fünf Einzelblüten bestehen, bildet die Winterlinde pralle Blütenbüschel aus, die einen intensiven Duft verströmen. Bei alten Linden erkennt man die Unterschiede auch in der Höhe: Sommerlinden werden über 40 Meter hoch, Winterlinden dagegen selten über 25 Meter. Wie Eichen und Eiben gelten auch die Linden als jene Bäume, die viele Menschenleben überdauern. Von der Linde heißt es, sie sei "300 Jahre im Werden, 300 Jahre im Stehen und 300 Jahre im Vergehen". Tatsächlich sind uralte Linden auch heute keine Seltenheit. Bei Andiesen am Inn in Oberösterreich steht eine 1000jährige Linde, und die berühmte Wolframslinde bei Kötzing in Bayern ist ebenfalls schon über 1000 Jahre alt. Das Geheimnis der Langlebigkeit lässt sich bei der Linde botanisch entschlüsseln. Im hohen Alter entwickelt sie nämlich neue Innenwurzeln, die vom greisen Stamm aus in Richtung Boden wachsen und sich dort verankern. Sie bilden eine neue Krone, wenn der alte Baum vergeht. So ist das Geheimnis der Linde, dass sie sich selbst von innen heraus verjüngt.

Charakterzüge
Die Linde hat etwas Mütterliches an sich. Nicht umsonst ist sie als Dorflinde der beschirmende Mittelpunkt der Gemeinschaft.

Die Linde als Heilmittel
Die Blüten der Linde haben seit der Antike einen vorzüglichen Ruf als Heilmittel. Noch heute gilt der Lindenblütentee als das beste Mittel gegen Erkältung und Grippe. Heiß und mit Honig gesüßt wirkt er schweißtreibend, schleimlösend und fiebersenkend. Das "Lindenblütenwasser", den kalten Ansatz von Lindenblüten im Sonnenlicht, beschreibt schon Hildegard von Bingen als bestes Reinigungsmittel für ein frisches Gesicht: Es verleihe einen feinen Teint und strahlende Augen. Die Lindenholzkohle schließlich ist eine wirkungsvolle Medizin bei Blähungen und allen entzündlichen Magen- und Darmkrankheiten. Sie kann sogar Giftstoffe im Magen binden und wurde deshalb früher häufig bei Vergiftungen angewandt.

Mythologie und Geschichte
Die Linde war schon immer der Schutzbaum des Volkes. Sie verbreitet die Zuneigung der Erdmutter, der sie auch geweiht ist, egal, ob sie nun als Muttergöttin Freya oder Gottesmutter Maria angesprochen wird. Ein blühender Lindenbaum wirkt wie eine große Umarmung von Blüten und Bienen, und die Linde ist der Baum gewordene Begriff von Heimat, Wärme und Geborgenheit. Kein Wunder, dass man sie als Zentrum des Dorfes pflanzte. Was heute der Gemeindesaal oder die Mehrzweckhalle ist, war früher die Dorflinde. Alles gemeinschaftliche Leben spielte sich um sie herum ab. Schon in der antiken Mythologie glänzt die Linde durch Freundlichkeit. Ovid erzählt in seinen "Metamorphosen", dass die Götter Hermes und Zeus einst als Wanderer die Gesinnung der Menschen erkunden wollten. In einem Dorf baten sie um Essen und Nachtlager, wurden aber von allen abgewiesen. Nur das arme Bauernpaar Philemon und Baucis gewährte ihnen beides. Wie es sich in solchen Mythen gehört, verhängten die Götter sodann ein Strafgericht über das unfreundliche Volk, verschonten aber Philemon und Baucis. Die beiden lebten nicht nur lange und glücklich miteinander. Am Ende ihrer Zeit erfüllten ihnen die Götter auch den Wunsch, gemeinsam die Welt zu verlassen. Philemon wurde in eine Eiche verwandelt, Baucis in eine Linde. Oder, um die Worte Ovids zu zitieren: "Und als die Wipfel über ihre Gesichter wuchsen, tauschten sie noch Worte voller Liebe. Dann barg und umhüllte Laubwerk ihrer beiden Antlitz".